interpretation

Auf den ersten Blick, noch in größerer Distanz, wirken die leuchtenden, farbigen Wandinstallationen von Maren Flößer wie bloß ornamentale Verzierungen; so, als handele es sich um wechselseitig aufeinander bezogene Werbetafeln, zeigen die aggressiv getönten Bilder abwechselnd Buchstaben oder leere Farbflächen, die als Ensemble ein Wort oder eine Wortkombination ergeben. Ist man noch mit der Enträtselung des Sinns befasst und tritt zu diesem Zweck näher, verliert sich indes schnell der Eindruck des Ornamentalen, da die vielen, grazilen Figuren in den Blick treten, die den Hintergrund der Tafeln zu beherrschen scheinen. Tief in die dick aufgetragene Farbe eingeritzt, bevölkern solche giacomettihaften Menschenwesen jedes einzelne Bild; sie treten mal als Mitglieder anonym wirkender Gruppen auf, mal auch wie zu einem Paar vereint, stets aber bestimmen sie aus der Tiefe kommend den buntflächig gegebenen Vordergrund. In der Spannung zwischen diesen gesichtslosen Figuren und den schrillen Buchstaben besteht das Geheimnis der Wandinstallationen von Maren Flößer; es ist in dem vielschichtigen Verhältnis begründet, in dem der Mensch zu seiner Sprache steht. 

Buchstabengitter

Eine Interpretation der Wandinstallation im Institut für Sozialforschung, Frankfurt am Main

deutsch

Ebenso fragwürdig, wie auf diesen Tafeln die Konstellationen der Menschen untereinander zu sein scheinen, sind auch deren Beziehungen zum flächenhaften Vordergrund. Ob in anonymer Massierung oder intimer Zweisamkeit auftretend, ob überhaupt zu Gruppen vereint oder in Einsamkeit dastehend, die in die Länge gezogenen Figuren wirken immer wie vereinzelte, stumm ausharrende Personen; falls sie miteinander Kontakt halten sollten, so nicht durch das Mittel sprachlicher Verständigung. Das wortlose Beisammensein dieser Wesen steht freilich in auffälligem Kontrast zu der Tatsache, daß sie von Buchstaben oder Worten geradezu umzingelt scheinen; zwar sind die Kerben, durch die sie als Silhouetten sichtbar werden, auch durch die Sprachzeichen hindurchgezogen, aber nirgends lässt das den Eindruck eines In-den-Vordergrund-Rückens, einer Dominanz des Menschen übers Geschriebene entstehen. Die Buchstaben in ihrer grellen Farbfülle treten vielmehr so machtlüstern, so selbstherrlich auf, daß sie die schemenhaften Figuren umgekehrt wie hilflose Opfer aussehen lassen; und deren Wortlosigkeit, deren angsterfülltes Schweigen wäre dann Ausdruck des Schreckens, der ihnen in die Glieder fuhr, als sie der Übermacht der toten Sprache gewahr wurden. So mag sich die flüchtige Assoziation erklären, die den Betrachter in manchen der gespensterähnlichen Gestalten plötzlich Menschen mit angstverzerrten Gesichtern erkennen lässt: Als unterdrücke Panik ihre Stimme, sind diese Figuren vom Anblick der Zeichenruinen so in den Bann geschlagen, daß sie mit weit aufgerissenem Mund in Entsetzen verharren. Ist die Anschauung einmal soweit vorgedrungen und bis auf den Punkt der Despotie schriftlich fixierter Sprache gestoßen, so sind der Vorstellungskraft keine Grenzen mehr gesetzt: Nun ist in den Ansammlungen der eingeritzten Gestalten, die plötzlich wie Gefangene der Buchstaben wirken, entweder der Protest der stumm revoltierenden Masse oder die Akklamation der ergriffenen Menge zu erkennen. Der Einzelne, durch die Übermacht verdinglichter Sprache mit Sprachlosigkeit geschlagen, scheint allein die Wahl zwischen Aufbegehren und narzißtischer Unterwerfung zu haben – er kann den Gitterstäben der entlebten Zeichen in wortloser Klage mit Anderen entgegentreten oder sich verzweifelt an sie klammern, wie um daran das eigene, schwache Ich aufzurichten.

 

Eine letzte Wendung nimmt die Betrachtung freilich dann, wenn sie sich des Flehenden, ja Hoffenden bewußt wird, das die Figuren von Maren Flößer auch zu besitzen scheinen. Obwohl keine ihrer schemenhaften Gestalten mit Gesichtszügen ausgestattet ist, lässt deren ganze Haltung – die langgezogenen, nach oben gestreckten Körper, die enganliegenden Hände, die Gleichgerichtetheit der Köpfe – doch vermuten, daß es sich hier um auf Erlösung drängende Individuen handelt. Wie auch immer man den Blick wendet, worauf auch immer das Auge sich richtet, es ist dieses sehnsüchtige Warten der wortlos dastehenden, hageren Kreaturen, das an den farbprallen Worttafeln der Künstlerin den Betrachter wohl am stärksten fesselt: Hinter all den selbstherrlich leuchtenden Buchstaben verbergen sich, so scheint es, stets dieselben, ängstlich ausharrenden Personen, die flehentlich die Rückverwandlung toter Sprache in das lebendige Wort erwarten. Unerlöst sind diese Menschen, weil ihnen die Sprache durch die materielle Verselbstständigung der Zeichen soweit als ein Medium entrissen ist, daß sie sich in ihr nicht mehr beheimatet fühlen; und die Bilder von Maren Flößer sind, so will es mir scheinen, Chiffren der Bangigkeit, mit der sie auf die Befreiung von den Buchstabengittern hoffen.

Axel Honneth

Professor für Sozialphilosophie an der

Johann Wolfgang Goethe Universität, Frankfurt am Main

Direktor des Instituts für Sozialforschung, Frankfurt am Main

Columbia University, New York